Die Renaissance des Töpferns: Zahlen, Markt und Wertschöpfungskette
Töpfern galt lange als Hobby von gestern. Heute füllen Töpferkurse ganze Buchungsplattformen, in der Pandemie kamen Hersteller von Töpferscheiben mit der Produktion nicht mehr nach, und die Zahl der Keramikbetriebe im Handwerk wächst zweistellig. Die Renaissance des Töpferns ist keine gefühlte Wahrheit mehr. Sie lässt sich in Zahlen fassen.
Genau das versucht dieser Beitrag. Wir bei Formwerk Berlin haben zusammengetragen, was es an belastbaren Daten gibt: zur Entwicklung des Hobbys, zur Größe des Marktes, zu den Unternehmen dahinter und zur Wertschöpfungskette vom Tonabbau bis zur fertigen Tasse. Wo es keine verlässlichen Zahlen gibt, sagen wir das.

Diese Analyse stammt von Formwerk Berlin, dem Fachhandel für Töpferbedarf und Werkstattausstattung
Inhaltsverzeichnis
- Vom Handwerk zum Hobby und zurück
- Warum gerade jetzt? Fünf Treiber
- Wer töpfert heute?
- Der Markt in Zahlen
- Die Wertschöpfungskette
- Unternehmen im Markt
- Der Gebrauchtmarkt als Gradmesser
- Hype oder dauerhaft?
- Methodik und Quellen
Vom Handwerk zum Hobby und zurück
Keramik gehört zu den ältesten Kulturtechniken der Menschheit. Die frühesten gebrannten Tonfiguren sind mehr als 20.000 Jahre alt.[1] In Deutschland prägten Töpferregionen wie der Westerwald mit seinem salzglasierten Steinzeug über Jahrhunderte ganze Landstriche. Töpfern war Broterwerb, kein Zeitvertreib.
Das änderte sich im 20. Jahrhundert. Die Industrie übernahm das Gebrauchsgeschirr, das Handwerk wandte sich der Gestaltung zu. Das Bauhaus betrieb ab 1920 eine eigene Keramikwerkstatt in Dornburg an der Saale. In den Siebzigern und Achtzigern erlebte Töpfern schon einmal einen Boom als Hobby, getragen vor allem von den Volkshochschulen. Danach wurde es still. Töpfern galt vielen als angestaubt.
Die Wende kam um 2015. Seitdem wächst das Interesse wieder, zuerst in Großbritannien und den USA, dann in Deutschland. Heute hat das Hobby eine andere Gestalt als damals: weniger Volkshochschule, mehr privates Studio, mehr eigene Werkstatt zu Hause und ein fließender Übergang vom Hobby zum Nebenerwerb.
Der bekannte deutsche Porzellanhersteller Karla aus Thüringen hat 2026 Insolvenz angemeldet
Bemerkenswert ist der Gegensatz zur Industrie. Während das Handwerk wächst, kämpfen die großen Porzellanhersteller. Das 1844 gegründete Unternehmen Kahla meldete im Frühjahr 2026 mit rund 120 Beschäftigten erneut Insolvenz an und nannte hohe Energiekosten und die Kaufzurückhaltung der Gastronomie als Gründe.[2] Laut Medienberichten von Anfang Oktober 2026 soll die Produktion zum Jahresende eingestellt werden.[3]
Warum gerade jetzt? Fünf Treiber
1. Fernsehen
Am 3. November 2015 startete in Großbritannien die Sendung „The Great Pottery Throw Down“. Bislang liefen neun Staffeln, die Finalfolgen erreichten regelmäßig rund drei Millionen Zuschauer.[4] Die Wirkung auf den Handel ließ sich messen: Die britische Bastelkette Hobbycraft meldete während der zweiten Staffel 26 % mehr Tonabsatz als im Vorjahr. Bei lufttrocknendem Ton lagen die Zuwächse je nach Sorte bei 294 und 314 %.[5] Seit 2020 ist die Sendung auch in den USA zu sehen, seit 2024 gibt es einen kanadischen Ableger.[4]
2. Die Pandemie
Als 2020 Kurse und Werkstätten schlossen, holten sich viele die Werkstatt nach Hause. Der deutsche Scheibenhersteller HSL berichtete für 2020 von 20 bis 30 % mehr Umsatz. Vom Einsteigermodell wurden 500 statt 350 Stück verkauft, ein Plus von gut 40 %. Die Nachfrage überstieg die Fertigungskapazität. In der Branche sprach man vom „Corona Töpfern“.[6]
3. Soziale Medien
Kaum ein Handwerk ist so gut filmbar wie das Drehen an der Scheibe. Kurze Videos vom Zentrieren, Hochziehen und Abdrehen erreichen auf TikTok und Instagram ein Millionenpublikum. Dazu kommen prominente Hobbytöpfer wie der Schauspieler Seth Rogen, der seit 2019 regelmäßig seine Keramik zeigt.[1] Belastbare Zahlen zur Reichweite sind schwer zu bekommen, der Effekt auf die Sichtbarkeit ist aber unbestritten.
4. Der Wunsch nach Handarbeit
Wer den ganzen Tag am Bildschirm arbeitet, sucht einen Ausgleich, bei dem am Ende etwas Greifbares auf dem Tisch steht. Töpfern steht damit nicht allein. Der deutsche Handarbeitsmarkt lag 2025 bei 960 Mio. Euro, Strick und Häkelgarne legten um 7 % zu.[7] Ton hat dabei eine Besonderheit: Er verlangt volle Aufmerksamkeit. Wer zentriert, kann nicht nebenbei aufs Handy schauen.
5. Kurse als Erlebnis
Töpferkurse werden heute gebucht wie Konzertkarten, oft als Geschenk oder gemeinsame Unternehmung. Allein die Plattform konfetti listet über 400 Töpferkurse in Deutschland und Österreich. In ihrer Rangliste der 30 beliebtesten Studios liegt Berlin mit neun Einträgen vorn, gefolgt von Bayern und NRW mit je fünf.[8] Eine Zählung der Berliner Keramikszene kommt auf 46 Töpferstudios in einer einzigen Stadt.

Der Trend zum Töpfern lässt sich auch auf Google Trends gut erkennen. Dort wird die Entwicklung der Google-Suchanfragen im Zeitverlauf dargestellt. Besonders deutlich ist das Wachstum des Suchbegriffs „Töpfern“ seit der Corona-Pandemie im Jahr 2020.
Wer töpfert heute?
Eine repräsentative Erhebung dazu, wie viele Menschen in Deutschland töpfern, gibt es unseres Wissens nicht. Einige Daten zeichnen aber ein deutliches Bild.
- Töpfern ist weiblich geprägt. 77,5 % der Einzelunternehmen im Keramikerhandwerk werden von Frauen geführt. Von 51 Auszubildenden sind 48 Frauen.[9] Auch aus dem Fachhandel ist zu hören, dass Frauen ab 40 die größte Kundengruppe bilden.
- Die Käufer werden jünger. In Großbritannien ist fast ein Drittel der Käufer von Kunsthandwerk unter 35 Jahre alt. Der Markt in dieser Altersgruppe ist seit 2006 um 32 % gewachsen.[10]
- Der Weg führt vom Kurs in die eigene Werkstatt. Typisch ist die Abfolge Schnupperkurs, offene Werkstatt, eigene Scheibe, eigener Ofen.
Wie die eigene Werkstatt dann aussieht, zeigt eine Umfrage unter gut 100 Keramikerinnen und Keramikern auf Instagram vom August 2025:[11]
| Eigener Brennofen | Anteil |
|---|---|
| Größe 41 bis 70 Liter | 47 % |
| Größe 71 bis 100 Liter | 29 % |
| Anschluss an 400 V | 66 % |
| Neu gekauft | 52 % |
| Gebraucht gekauft | 46 % |
Die Umfrage ist nicht repräsentativ. Sie zeigt aber, dass die typische Heimwerkstatt keinen Miniofen hat, sondern ein Gerät mittlerer Größe, und dass fast jeder zweite Ofen aus zweiter Hand stammt.
Unsere Berliner Keramik-Karte ist der Versuch, alle relevanten Keramik- und Töpferorte der Stadt zu sammeln. Gerade in den Bezirken Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln gibt es viele tolle Studios.
Der Keramik-Markt in Zahlen
Deutschland: Ein Handwerk wächst gegen den Trend
Die deutlichste Zahl kommt vom Zentralverband des Deutschen Handwerks. Ende 2024 waren 2.241 Keramikbetriebe in den Verzeichnissen der Handwerkskammern eingetragen. Ende 2025 waren es 2.520. Das entspricht einem Zuwachs von 12,4 %, getragen von 468 Neueintragungen bei 189 Abgängen.[9]
Zum Vergleich: Das gesamte Handwerk stagnierte im selben Zeitraum bei rund 1,04 Mio. Betrieben. Unter den zulassungsfreien Handwerken wuchsen nur Kerzenzieher und Graveure schneller.[9] Der Trend ist nicht neu. Schon im ersten Halbjahr 2022 legte das Keramikerhandwerk um 5,4 % zu.[12]
Die zweite Zahl relativiert die erste. Bundesweit gibt es nur 51 Auszubildende in 36 Ausbildungsstätten, 5,6 % weniger als im Vorjahr.[9] Auf rund 49 Betriebe kommt also ein einziger Auszubildender. Das Wachstum kommt demnach nicht aus der klassischen Lehre. Naheliegend ist, dass es von Quereinsteigern getragen wird, die aus dem Hobby einen Betrieb machen.
Weitere Kennzahlen zur Szene:
- Beim 21. Tag der offenen Töpferei im März 2026 öffneten mehr als 500 Werkstätten und Ateliers.[13]
- Der Töpfermarkt in Dießen am Ammersee, einer der größten Keramikmärkte Europas, zählte 2025 rund 160 Keramiker aus zwölf Ländern.[14]
- Seit 2025 steht das Töpfer und Keramikerhandwerk im Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes.[15]
Wie groß ist der deutsche Markt? Eine eigene Schätzung
Eine offizielle Zahl zum Hobbymarkt Töpfern in Deutschland gibt es nicht. Wir haben deshalb selbst gerechnet, von unten nach oben und in drei Bausteinen. Gemeint sind die jährlichen Ausgaben rund um das Hobby: für Kurse, Material und Geräte. Schulen, Kitas und soziale Einrichtungen sind nicht enthalten. Weil auch Studios Öfen und Ton kaufen, gibt es zwischen den Bausteinen kleine Überschneidungen.
Geschätzte Ausgaben für das Hobby Töpfern in Deutschland pro Jahr
Eigene Schätzung, Stand Oktober 2026. Plausible Spanne: 45 bis 230 Mio. €[16]
Das ist keine Messung, sondern eine Überschlagsrechnung mit offenen Annahmen. So kommt sie zustande:
Anbieter: In Berlin lassen sich 46 Studios zählen, bei rund 3,7 Mio. Einwohnern. Überträgt man diese Dichte auf ganz Deutschland, ergibt das gut 1.000 Studios. Das passt zu den 2.520 eingetragenen Betrieben, von denen nicht jeder Kurse anbietet.[9] Annahme: 1.000 Anbieter mit regelmäßigem Kursangebot.
Kurse: Einsteigerkurse kosten meist 50 bis 90 Euro pro Person, mehrtägige Kurse und Drehkurse deutlich mehr.[17] Annahme: drei Kurse pro Woche mit je sechs Teilnehmenden zu durchschnittlich 80 Euro, an 40 Wochen im Jahr. Das ergibt rund 58.000 Euro je Anbieter und zusammen rund 58 Mio. €. Das entspricht gut 700.000 Kursteilnahmen im Jahr.
Offene Werkstatt: Mitgliedschaften kosten meist 80 bis 200 Euro im Monat.[17] Annahme: 300 Studios mit je 25 Mitgliedern zu 120 Euro. Das ergibt rund 11 Mio. €.
Ergebnis: rund 70 Mio. €.
Aktive: Wie viele Menschen regelmäßig außerhalb von Kursen töpfern, weiß niemand genau. Unsere Herleitung: Gut 700.000 Kursteilnahmen entsprechen bei zwei Terminen pro Kopf etwa 350.000 Menschen. Bleibt jede zehnte Person dabei und ist im Schnitt vier Jahre aktiv, ergibt das rund 140.000 Aktive. Annahme: 150.000. Das ist der unsicherste Wert der ganzen Rechnung.
Ausgaben pro Kopf: 50 Kilo Ton zu 2 Euro, dazu Glasuren für rund 80 Euro und Werkzeug und Kleinteile für rund 60 Euro. Zusammen 240 Euro im Jahr.
Ergebnis: 150.000 × 240 € = rund 36 Mio. €.
Brennöfen: Auf Kleinanzeigen stehen rund 70 gebrauchte Keramiköfen gleichzeitig online.[16] Bleibt ein Inserat im Schnitt drei Wochen stehen und bildet die Plattform die Hälfte des Gebrauchtmarkts ab, wechseln rund 2.400 gebrauchte Öfen im Jahr den Besitzer. Laut der genannten Umfrage wird etwa so oft neu wie gebraucht gekauft.[11] Annahme: 2.500 neue Öfen zu durchschnittlich 3.000 Euro, also 7,5 Mio. €.
Töpferscheiben: Annahme: 3.000 Markenscheiben zu 1.000 Euro und 10.000 Importscheiben zu 150 Euro, zusammen 4,5 Mio. €. Zum Vergleich: Ein einzelner deutscher Hersteller verkaufte 2020 allein 500 Stück seines Einsteigermodells.[6]
Zubehör: Regler, Einlegeplatten und Werkstattausstattung, pauschal 2 Mio. €.
Ergebnis: rund 14 Mio. €.
Setzt man alle Annahmen vorsichtig an, landet man bei rund 45 Mio. Euro. Setzt man sie großzügig an, sind es rund 230 Mio. Euro. Die Wahrheit dürfte dazwischen liegen. Eine Größenordnung von gut 100 Mio. Euro halten wir für plausibel.
Zur Einordnung:
- Das sind knapp 1,50 Euro pro Einwohner und Jahr.
- Der deutsche Handarbeitsmarkt ist mit 960 Mio. Euro etwa achtmal so groß.[7]
- Der Handel mit Glas, Keramik und Porzellan setzte 2025 in Deutschland 7,1 Mrd. Euro um.[18] Das Hobby Töpfern entspricht knapp zwei Prozent davon.
- Beim Töpferbedarf selbst, also bei Material und Geräten einschließlich der Einkäufe der Studios, dürften nach dieser Rechnung knapp 60 Mio. Euro im Jahr ankommen.
Töpfern ist also ein wachsender, aber nach wie vor kleiner Markt. Die Rechnung ist ein Anfang. Wer bessere Daten hat, etwa Hersteller, Verbände oder Studios, ist ausdrücklich eingeladen, uns zu widersprechen.
Die Wertschöpfungskette der Keramik-Branche in Deutschland
Vom Rohstoff bis zur fertigen Tasse durchläuft Keramik sechs Stufen. Mit jeder Stufe steigt der Wert des Materials.
Rohstoff
Tonabbau, in Deutschland vor allem im Westerwald
Aufbereitung
Massehersteller und Glasurhersteller
Geräte
Hersteller von Brennöfen, Töpferscheiben und Reglern
Handel
Fachhandel, Onlineshops, Marktplätze, Gebrauchtmarkt
Werkstatt
Studios, Kurse, Brennservice, eigene Werkstatt
Fertige Keramik
Eigengebrauch oder Verkauf auf Märkten und online
Stufe 1: Rohstoff
Deutschland fördert laut Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe jährlich rund 10 Mio. Tonnen Ton einschließlich Bentonit und Kaolin.[19] Auf hochwertige Spezialtone entfielen nach Angaben des Branchenverbands 2018 gut 4,4 Mio. Tonnen.[20] Die Lagerstätten im Westerwald zählen zu den größten Europas.[19] Der allergrößte Teil geht in die Industrie, also in Fliesen, Ziegel und Sanitärkeramik. Der Hobbybereich ist für die Gruben ein Nischenabnehmer.
Roher Ton ist billig. In den USA lag der Durchschnittswert für plastischen Ton ab Grube 2025 bei 47 US Dollar je Tonne, also bei wenigen Cent pro Kilo.[21]
Stufe 2: Aufbereitung
Massehersteller mischen verschiedene Tone, setzen je nach Rezept Schamotte zu, entlüften die Masse und verpacken sie in handliche Hubel. Im Handel kosten zehn Kilo Töpferton dann meist 15 bis 25 Euro, also 1,50 bis 2,50 Euro pro Kilo.[17] Der Vergleich über zwei Länder hinweg ist grob, zeigt aber die Größenordnung: Zwischen Grube und Werkbank liegt mindestens der Faktor 30. Bei Glasuren ist die Veredelung noch größer, denn ihr Wert liegt in geprüften, reproduzierbaren Rezepturen.
Stufe 3: Geräte
Hier liegt der größte Einzelposten für jede Werkstatt. In unserer Schätzung geben Privatleute und kleine Studios in Deutschland dafür rund 14 Mio. Euro im Jahr aus. In der Umfrage unter Keramikern lagen neue Einstiegsöfen bei 1.000 bis 2.500 Euro.[11] Neue Markenscheiben beginnen bei gut 700 Euro, einfache Importscheiben bei etwa 120 Euro.[16]
Stufe 4: Handel
Der Handel ist kleinteilig. Es lassen sich fünf Typen unterscheiden:
- Spezialisierter Fachhandel für Töpferbedarf, online und stationär, mit Beratung und vollem Sortiment von Ton bis Ofen.
- Direktvertrieb der Hersteller, vor allem bei Massen, Öfen und Scheiben.
- Händler für Künstlerbedarf und Bastelbedarf, die Töpferbedarf als Teilsortiment führen.
- Marktplätze, über die vor allem günstige Importgeräte verkauft werden.
- Der Gebrauchtmarkt, über den laut der genannten Umfrage fast jeder zweite Ofen den Besitzer wechselt.
Stufe 5: Werkstatt
Studios verdienen an Kursen, an Mitgliedschaften für die offene Werkstatt und am Brennservice. Für viele Betriebe sind Kurse ein wichtiges Standbein neben dem Verkauf eigener Keramik. Wer zu Hause arbeitet, trägt die Betriebskosten selbst. Sie sind niedriger, als viele vermuten: Ein Brand im kleinen Ofen kostet wenige Euro Strom. Die Rechnung dazu steht in unserem Beitrag Wie viel Strom braucht ein Brennofen?
Stufe 6: Fertige Keramik
Aus einem Kilo Ton für rund zwei Euro werden zwei bis drei Tassen. Handgemachte Tassen werden auf Märkten und online häufig für 25 bis 45 Euro pro Stück angeboten. Der Wert entsteht also fast vollständig durch Arbeit, Können und Gestaltung, nicht durch das Material. Wie groß dieser Markt werden kann, zeigt Großbritannien: Dort wurde 2019 Kunsthandwerk für mehr als 3 Mrd. Pfund verkauft, 73 % der Erwachsenen kauften mindestens ein handgemachtes Stück.[10]
Unternehmen im Markt
Der Markt ist mittelständisch geprägt. Auf fast jeder Stufe dominieren Familienunternehmen und Spezialisten. Eine Auswahl nach Stufen:
Brennöfen
- Nabertherm aus Lilienthal bei Bremen baut seit 1947 Öfen, beschäftigt rund 600 Menschen und zählt nach eigenen Angaben 150.000 Kunden in über 100 Ländern.[22] Keramik ist dort eine von mehreren Sparten.
- Rohde aus Prutting in Oberbayern wurde 1982 von Helmut Rohde gegründet, wird als Familienunternehmen in zweiter Generation geführt und beschäftigt rund 90 Menschen.[23][24]
- Kittec aus dem Raum Rosenheim und Pyrotec sind weitere deutsche Hersteller von Keramiköfen.
- In den USA prägen Skutt, L&L und Paragon den Markt.
Die vier dominanten Ofenhersteller in Deutschland. In einer Umfrage unter Töpferinnen und Töpfern aus dem Jahr 2025 gab die überwiegende Mehrheit der Teilnehmenden an, einen Ofen eines dieser vier Hersteller zu besitzen.
Töpferscheiben
- Shimpo aus Japan gehört zum Nidec Konzern und ist weltweit einer der bekanntesten Hersteller.[25]
- Lindemann baut seine Scheiben in Augsburg.
- HSL Scheiben entstehen in den Schwarzacher Werkstätten, einer Einrichtung der Diakonie, in der Menschen mit Behinderung arbeiten.[6]
- International spielt außerdem die Marke Brent des amerikanischen Herstellers AMACO eine große Rolle.
Massen, Glasuren und Zubehör
- Die großen deutschen Massehersteller sitzen im Westerwald, nah an den Lagerstätten.
- Bei Glasuren sind amerikanische Marken wie AMACO im Hobbybereich stark, daneben gibt es etablierte deutsche Hersteller.
- Für die Steuerung der Öfen sind Regler von Bentrup verbreitet, für die Temperaturkontrolle die Kegel der amerikanischen Orton Stiftung.
Kurse und Plattformen
Auf der letzten Stufe gibt es kaum große Namen. Die mehr als 2.500 Betriebe im Handwerk und eine unbekannte Zahl nicht eingetragener Studios arbeiten fast alle lokal. Neu sind Buchungsplattformen, die Kurse bündeln und sichtbar machen. Sie haben den Zugang zum Hobby spürbar vereinfacht.
Händler & Töpferbedarf
Im Markt gibt es eine Vielzahl an Anbietern für Bastel- und Kreativbedarf, darunter beispielsweise die boesner-Unternehmensgruppe, die ebenfalls Töpferbedarf führt. Daneben gibt es spezialisierte Fachhändler, die sich ausschließlich auf das Töpfern konzentrieren.
An dieser Stelle möchten wir uns natürlich auch in eigener Sache hervorheben: Formwerk Berlin – der Fachhandel für Töpferbedarf und Werkstattausstattung.
Der Gebrauchtmarkt als Gradmesser
Wie gefragt ein Hobby ist, zeigt sich auch daran, was auf dem Gebrauchtmarkt passiert. Eine Auswertung von 100 Inseraten auf Kleinanzeigen Anfang Oktober 2026 ergab folgendes Bild.[16] Die Details stehen in den Ratgebern Töpferscheibe gebraucht kaufen und Brennofen gebraucht kaufen.
- Das Angebot ist knapp. Bundesweit standen rund 300 Inserate zu Töpferscheiben und 151 zu Brennöfen online. Nur ein Drittel der Inserate zu Scheiben und knapp die Hälfte der Inserate zu Öfen waren tatsächlich passende Geräte.
- Markengeräte sind wertstabil. Ältere Markenscheiben wurden für 850 bis 950 Euro angeboten und lagen damit über dem Neupreis einfacher Markenmodelle.
- Es wird aktiv gesucht. Unter den 151 Inseraten zu Brennöfen waren 18 Gesuche.
- Vermieten wird zum Geschäft. Privatleute bieten ihre Scheiben zur Miete und ihre Öfen als Brennservice an.
Knappes Angebot, stabile Preise und aktive Gesuche sprechen für eine Nachfrage, die das Angebot übersteigt. In einem abflauenden Markt sähe das anders aus: Dann wären die Portale voll mit kaum benutzten Geräten zu fallenden Preisen.
Die Renaissance des Töpferns - Hype oder dauerhaft?
Was für Dauer spricht:
- Das Wachstum hält seit Jahren an. Die Zahl der Betriebe stieg schon 2022 deutlich und 2025 um 12,4 %.
- Wer in Ofen und Scheibe investiert hat, bleibt in der Regel dabei. Die Geräte halten Jahrzehnte.
- Die Infrastruktur ist gewachsen: mehr Studios, mehr Kurse, mehr Brennservice.
- Die Anerkennung als Immaterielles Kulturerbe gibt dem Handwerk zusätzliche Sichtbarkeit.
Was dagegen spricht:
- Der Nachwuchs fehlt. 51 Auszubildende sind zu wenig, um handwerkliches Wissen auf klassischem Weg weiterzugeben.
- In Großstädten ist die Dichte bereits hoch. Bei 46 Studios allein in Berlin ist fraglich, ob jedes Angebot dauerhaft ausgelastet bleibt.
- Energiekosten treffen jeden, der brennt, auch wenn sie im Hobbybereich weit weniger ins Gewicht fallen als in der Industrie.
- Ein Teil der Einsteiger hört wieder auf. Darauf deuten die kaum genutzten Importscheiben hin, die auf dem Gebrauchtmarkt angeboten werden.
Unsere Einschätzung: Der schnelle Zuwachs der letzten Jahre wird sich abflachen. Die Basis ist aber breiter als beim letzten Töpferboom. Damals trug die Volkshochschule das Hobby. Heute tragen es Tausende kleine Betriebe, eine gewachsene Zahl privater Werkstätten und ein Handel, der auch Einsteiger erreicht. Töpfern wird ein Nischenmarkt bleiben. Aber es ist eine Nische, die gekommen ist, um zu bleiben.
Wer selbst einsteigen will, findet einen Überblick in unseren Beiträgen Töpferscheiben im Vergleich und Welche drei Arten von Töpferscheiben gibt es?
Methodik und Quellen
Dieser Beitrag fasst öffentlich zugängliche Zahlen zusammen. Stand der Recherche ist Oktober 2026. Die Marktgröße für Deutschland ist eine eigene Schätzung, alle Annahmen dazu stehen im Text. Die Ziffern in eckigen Klammern verweisen auf die folgenden Quellen. Preisangaben sind Beobachtungen und keine Marktdurchschnitte.
- PBS SoCal: What the Resurgence of Pottery Says About Life Today, Oktober 2021. Zur Quelle
- WirtschaftsWoche: Kahla meldet erneut Insolvenz an, März 2026. Zur Quelle
- MS Aktuell: Kahla Porzellan stellt die Produktion ein, Oktober 2026. Zur Quelle
- Wikipedia: The Great Pottery Throw Down (Sendedaten und Zuschauerzahlen). Zur Quelle
- Housewares Live: Nation goes potty for pottery (Absatzzahlen Hobbycraft, 2017). Zur Quelle
- HSL Töpferscheiben: Pressemitteilung vom 17. Februar 2021. Zur Quelle
- Initiative Handarbeit: Marktzahlen 2025. Zur Quelle
- konfetti: Top 30 Töpferstudios 2025. Zur Quelle
- Zentralverband des Deutschen Handwerks: Betriebsstatistik 2025, veröffentlicht im Juni 2026. Zur Quelle
- Crafts Council: The Market for Craft, 2020. Zur Quelle
- Von Hanna mit Herz: Umfrage zu Brennöfen in der Keramikcommunity, August 2025. Zur Quelle
- Deutsches Handwerksblatt: Handwerk, Zahl der Betriebe stagniert (erstes Halbjahr 2022). Zur Quelle
- Tag der offenen Töpferei 2026. Zur Quelle
- Art Aurea: 23. Dießener Töpfermarkt. Zur Quelle
- Deutsche UNESCO Kommission: Töpfer und Keramikerhandwerk in Deutschland. Zur Quelle
- Eigene Auswertung von 100 Inseraten auf Kleinanzeigen und eigene Marktschätzung, Oktober 2026.
- Claymate: Was kostet Töpfern? Preisübersicht, Januar 2025. Zur Quelle
- IFH Köln: Markt für Glas, Keramik, Porzellan stabilisiert sich bei 7,1 Milliarden Euro, Juni 2026. Zur Quelle
- GeoUnion Alfred Wegener Stiftung: Ton ist das Gestein des Jahres 2025 (Förderzahlen der BGR). Zur Quelle
- Bundesverband Keramische Rohstoffe und Industrieminerale: Jahresbericht 2017/2018, zitiert nach Zur Quelle
- U.S. Geological Survey: Mineral Commodity Summaries 2026, Clays. Zur Quelle
- Nabertherm: Unternehmensdaten. Zur Quelle
- Rohde: 40 Jahre Rohde. Zur Quelle
- Die Deutsche Wirtschaft: Unternehmensprofil Helmut Rohde GmbH. Zur Quelle
- Nidec Drive Technology: Produktseite Shimpo Töpferscheiben. Zur Quelle
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Marktschätzungen und eigene Rechnungen sind mit Unsicherheit behaftet und keine Grundlage für Investitionsentscheidungen. Angaben zu Unternehmen beruhen auf den genannten öffentlichen Quellen.
Das Formwerk Berlin Team